Dein Krankenkassenbeitrag kommt.

Jeden Monat.

Pünktlich.

Zuverlässig.

Da gibt es kein:

„War diesen Monat finanziell schwierig.“

Kein:

„Mein Portfolio lief leider nicht so gut.“

Und schon gar kein:

„Wir schauen mal, ob ich im nächsten Quartal wieder etwas überweise.“

Nein.

Beitrag.

Abgebucht.

Fertig.

Umso schöner zu erfahren, was mit Teilen dieses Geldes offenbar passieren kann.

Immobilienfonds.

Schuldscheindarlehen.

Finanzprodukte.

Und Verluste in Größenordnungen, bei denen ein normaler Versicherter vermutlich schon beim Aussprechen der Zahl eine neue Gesundheitskarte braucht.

Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung sollen allein drei kleinere Krankenkassen rund 100 Millionen Euro mit dem Verius-Fonds verloren haben.

Bahn BKK:

rund 40 Millionen Euro.

Viactiv:

rund 40 Millionen Euro.

Siemens BKK:

rund 20 Millionen Euro.

Die betroffenen Kassen äußern sich zu den konkreten Beträgen bislang nicht beziehungsweise verweisen auf laufende Prüfungen und juristische Aufarbeitung.

Hundert Millionen.

Drei Kassen.

Schön.

Ich überlege schon beim Zahnersatz, ob ich wirklich zwei Backenzähne gleichzeitig brauche.

Aber irgendwo liefen offenbar Diskussionen über Immobilienfonds.

Prioritäten.

Und jetzt wird es richtig schön.

§ 80 Sozialgesetzbuch IV schreibt für Versicherungsträger vor, dass deren Mittel so angelegt und verwaltet werden müssen, dass ein Verlust ausgeschlossen erscheint.

Außerdem verlangt das Gesetz ein qualifiziertes Anlage- und Risikomanagement. Risiken sollen durch Mischung und Streuung begrenzt werden.

„Dass ein Verlust ausgeschlossen erscheint.“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Nicht:

„Wird schon.“

Nicht:

„Immobilien gehen eigentlich immer.“

Nicht:

„Kevin aus Finanzen hat da einen interessanten Fonds.“

Verlust ausgeschlossen.

Und jetzt reden wir über mögliche Verluste in Milliardenhöhe.

Das ist kein kleiner Buchungsfehler.

Das ist ein Rauchmelder, unter dem gerade der Dachstuhl brennt.

Das Bundesamt für Soziale Sicherung beziffert den möglichen Schaden bei den bundesweit tätigen Krankenkassen auf 1,1 Milliarden Euro.

Zwölf Krankenkassen sollen demnach rund 900 Millionen Euro in inzwischen „leistungsgestörte“ Schuldscheindarlehen investiert haben, weitere elf rund 200 Millionen Euro in entsprechende Inhaberschuldverschreibungen.

„Leistungsgestört.“

Auch ein fantastisches Wort.

Mein Konto ist leer?

Finanziell leistungsgestört.

Der Urlaub fällt aus?

Freizeitwirtschaftlich leistungsgestört.

Eine Anlage droht Millionen zu verlieren?

Leistungsgestört.

Deutsch kann so beruhigend sein.

Dabei umfasst die Schätzung des Bundesamtes nur bundesweit tätige Krankenkassen. Regionale Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen kommen noch dazu. Die endgültige Schadenssumme steht also noch nicht fest.

Das ist der Teil, der richtig weh tut.

Seit Jahren hören Versicherte:

Kosten steigen.

Beiträge steigen.

Das System steht unter Druck.

Wir müssen effizienter werden.

Leistungen kosten Geld.

Eigenverantwortung.

Sparen.

Priorisieren.

Alles richtig.

Ein Gesundheitssystem ist teuer.

Ärzte kosten Geld.

Medikamente kosten Geld.

Pflege kostet Geld.

Krankenhäuser kosten Geld.

Aber dann möchte ich bei einem System, das mir regelmäßig erklärt, wie knapp das Geld ist, vielleicht nicht lesen, dass Sozialversicherungsträger dreistellige Millionenbeträge in Anlagen versenkt haben könnten, die ausgerechnet unter Regeln fallen, nach denen Verluste praktisch ausgeschlossen erscheinen sollen.

Das passt nicht zusammen.

Oder besser:

Es passt erschreckend gut zusammen.

Nach unten Beitragspflicht. Nach oben Immobilienfonds.

Das ist der Beton dieser Woche.

Besonders beruhigend ist die Aufarbeitung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe.

Der mit der Untersuchung beauftragte Anwalt sagt, einige Finanzprodukte seien offenbar so kompliziert gewesen, dass Investoren nicht durchgehend gewusst hätten, wohin das Geld genau fließt. Er kommt zu dem Schluss, manche Institutionen seien mit solchen Produkten fachlich überfordert gewesen.

Ach so.

Na dann.

Wenn ich ein Finanzprodukt nicht verstehe, mache ich etwas völlig Verrücktes:

Ich kaufe es nicht.

Besonders dann nicht, wenn das Geld nicht meines ist.

Und ganz besonders dann nicht, wenn das Gesetz mir sinngemäß sagt:

Pass damit verdammt gut auf.

Aber vielleicht bin ich einfach altmodisch.

Eine Sonderprüfung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin untersuchte sechs Anlagen im Umfang von 42 Millionen Euro.

Bei fünf dieser sechs Anlagen mit zusammen 36 Millionen Euro bestanden laut Prüfbericht Zweifel daran, ob sie überhaupt mit der eigenen Anlagerichtlinie vereinbar waren.

Wichtig:

Die Prüfer stellten dabei keine Verstöße gegen gesetzliche Vorschriften fest. Ein Teil des damaligen Vorstands widersprach außerdem der Bewertung, die internen Regeln seien enger gewesen als das Gesetz.

Also auch hier:

Aufarbeitung.

Bewertungen.

Gegenbewertungen.

Prüfberichte.

Natürlich.

Wenn der Versicherte eine Rechnung falsch einreicht, gibt es vermutlich drei Tage später Post.

Wenn Millionen fragwürdig angelegt wurden, betreten wir die faszinierende Welt der unterschiedlichen Rechtsauffassungen.

Und wer trägt es am Ende?

Das ist die Frage, die mich bei solchen Geschichten am meisten interessiert.

Nicht abstrakt.

Nicht bilanziell.

Sondern ganz praktisch.

Wenn eine Krankenkasse Geld verliert, verschwindet dieses Loch nicht in einer anderen Dimension.

Irgendwo fehlt das Geld.

Und das deutsche Gesundheitssystem besitzt bekanntlich keinen geheimen Keller, in dem noch ein paar Milliarden hinter alten Faxgeräten liegen.

Am Ende wird über Beiträge geredet.

Über Leistungen.

Über Zuschüsse.

Über Einsparungen.

Also über uns.

Wieder.

Natürlich.

Krankenkassen sind keine Hedgefonds mit Gesundheitskarte.

Beitragsgeld ist kein Casinochip.

Und „Rendite“ kann bei Sozialversicherungsträgern nicht bedeuten, dass man für ein bisschen mehr Ertrag Risiken eingeht, bei denen später Millionen fehlen.

Das System zwingt die Menschen zur Finanzierung.

Dann entsteht daraus eine verdammt hohe Verantwortung.

Nicht nur irgendeine.

Eine verdammt hohe.

Wer jeden Monat zuverlässig Geld einzieht, muss damit zuverlässiger umgehen als der durchschnittliche Typ, der nach drei YouTube-Videos glaubt, Immobilien seien „passives Einkommen“.

Eigentlich kein besonders radikaler Gedanke.

Das Gesundheitswesen braucht Geld.

Sehr viel Geld.

Und es wird in Zukunft eher mehr als weniger brauchen.

Gerade deshalb ist jeder verlorene Millionenbetrag doppelt bitter.

Weil dieses Geld nicht aus einem Konzerngewinn stammt.

Es stammt aus einem System, das von seinen Versicherten jeden Monat Verlässlichkeit verlangt.

Pünktlich zahlen.

Beiträge akzeptieren.

Rechnungen einreichen.

Nachweise bringen.

Regeln beachten.

Dann darf man dieselbe Verlässlichkeit verdammt noch mal auch auf der anderen Seite erwarten.

Der Versicherte schuldet seinen Beitrag.

Das System schuldet ihm Sorgfalt.

Und „möglicherweise 1,1 Milliarden Euro Schaden“ ist ziemlich weit von Sorgfalt entfernt.

Das war der Beton der Woche.

Kalt.

Schwer.

Leistungsgestört.

Und bezahlt haben den Beton natürlich wieder die Beitragszahler.