Es gab eine Zeit, da lagen Dateien auf einem Computer.

Verrückt, ich weiß. Man speicherte etwas, und dann war es da. Auf der Festplatte. In einem Ordner. Manchmal sogar in einem Ordner mit einem halbwegs nachvollziehbaren Namen, was damals schon fast als fortgeschrittene Zivilisation galt.

Heute liegt alles in der Cloud.

Fotos, Dokumente, Notizen, Passwörter, Kalender, Kontakte, Backups, Einkaufslisten, Erinnerungen, Gesundheitsdaten und vermutlich irgendwo noch eine halbfertige Steuererklärung von 2019, die seitdem in einem Rechenzentrum vor sich hin atmet.

Die Cloud klingt leicht. Flauschig. Hellblau. Wie ein Ort, an dem Daten kleine Yogakurse machen und sich gegenseitig versichern, dass Synchronisierung auch nur eine Form von Nähe ist.

In Wirklichkeit ist die Cloud natürlich nur der Computer von jemand anderem.

Nur größer.

Und teurer.

Und mit AGB, die niemand liest, weil man sonst vor dem Akzeptieren erst Jura, Datenschutzrecht und eine mittelschwere Depression absolvieren müsste.

Das Problem ist nicht, dass Cloud-Dienste grundsätzlich schlecht sind. Im Gegenteil. Sie sind oft praktisch. Dateien überall verfügbar, Fotos automatisch gesichert, Kalender auf allen Geräten synchron, Notizen auf dem Handy, dem Laptop und dem Tablet, damit man an drei Orten gleichzeitig vergessen kann, warum man sie überhaupt geschrieben hat.

Das ist schon bequem.

Leider ist Bequemlichkeit im Digitalen ungefähr das, was Zucker für Frühstücksflocken ist: Erst denkt man, ach komm, ein bisschen. Dann sitzt man irgendwann da und fragt sich, warum der eigene Alltag aussieht wie ein Kundenbindungsprogramm mit WLAN.

Denn mit der Cloud kommt selten nur Speicherplatz. Es kommt ein Konto. Eine App. Ein Abo. Eine Zwei-Faktor-Authentifizierung, die genau dann auf dem alten Gerät liegt, wenn man das neue einrichten möchte. Eine Benachrichtigung, dass der Speicher voll ist. Eine freundliche Empfehlung, doch bitte auf den größeren Plan zu wechseln. Und natürlich ein verbessertes Nutzererlebnis, was meistens bedeutet: Ein Knopf wurde verschoben, eine Funktion entfernt und irgendwo blinkt jetzt KI.

Früher kaufte man Software. Heute mietet man Zutritt.

Früher hatte man Dateien. Heute hat man Workspaces, Spaces, Drives, Boards, Hubs und Vaults. Also im Grunde Dateien, aber mit englischem Namensschild und monatlicher Abbuchung.

Und dann ist da noch diese seltsame digitale Hilflosigkeit, die sich einschleicht. Man gewöhnt sich daran, dass Dinge einfach „da“ sind. Bis sie es nicht mehr sind.

Ein Dienst hat eine Störung. Ein Login funktioniert nicht. Ein Anbieter ändert seine Bedingungen. Ein Feature wird eingestellt. Ein Account wird gesperrt, weil irgendein Automat entschieden hat, dass man verdächtig nach sich selbst aussieht.

Plötzlich merkt man: Die eigenen Daten wohnen zur Miete.

Und der Vermieter ist ein Konzern mit Chatbot-Support.

Das klingt dramatischer, als es sein muss. Niemand muss jetzt panisch alle Kabel aus der Wand reißen und seine Urlaubsfotos auf Lochkarten stanzen. Aber ein bisschen Misstrauen ist gesund. Nicht dieses verschwitzte Telegram-Misstrauen, bei dem hinter jedem Cookie-Banner ein Echsenmensch vermutet wird. Eher ein handwerkliches Misstrauen. So wie man bei einer Leiter prüft, ob sie steht, bevor man hochklettert.

Fragen wie:

  • Habe ich von wichtigen Daten eine lokale Kopie?
  • Weiß ich, wo meine Passwörter liegen?
  • Kann ich meine Daten exportieren?
  • Was passiert, wenn dieser Dienst morgen weg ist?
  • Bezahle ich für etwas, das früher einfach ein Ordner war?

Das sind keine paranoiden Fragen. Das sind Fragen von Menschen, die schon einmal versucht haben, alte Fotos aus irgendeinem vergessenen Account zu ziehen und dabei festgestellt haben, dass die E-Mail-Adresse von damals inzwischen ungefähr so erreichbar ist wie ein Faxgerät im Wald.

Die Cloud ist gut, wenn sie Werkzeug bleibt.

Sie wird schwierig, wenn sie Zuhause spielt.

Werkzeuge darf man wechseln. Ein Zuhause nicht so leicht. Und genau deshalb lohnt es sich, gelegentlich aufzuräumen. Daten exportieren. Backups machen. Alte Accounts schließen. Nicht jede Notiz einem Dienst anvertrauen, dessen Geschäftsmodell ungefähr lautet: „Wir sind kostenlos, bis wir es nicht mehr sind.“

Vielleicht ist das altmodisch. Vielleicht auch nur vernünftig.

Ich mag lokale Daten. Ich mag Festplatten. Ich mag Ordner, die auch dann noch funktionieren, wenn irgendein Rechenzentrum in Irland gerade schlechte Laune hat. Ich mag Software, die startet, ohne mich vorher zu fragen, ob ich meine Experience personalisieren möchte.

Die Cloud darf gern helfen.

Sie soll nur nicht so tun, als wäre sie mein Eigentum.

Denn am Ende ist sie eben doch nur der Computer von jemandem, der meine Daten sehr lieb hat.

Und wie bei jeder sehr intensiven Liebe im Internet gilt: Backup machen, bevor es komisch wird.