Übergangsjacke: Das nutzloseste Kleidungsstück Deutschlands
Morgens frierst du. Mittags schwitzt du. Abends frierst du wieder. Dazwischen trägst du eine Übergangsjacke, die für exakt keine dieser Situationen wirklich geeignet ist.
Der Herbst ist da.
Endlich.
Morgens Nebel.
Bunte Blätter.
Kühle Luft.
Abends wieder eine Decke, ohne darunter langsam medium rare zu werden.
Herrlich.
Und mit dem Herbst kommt sie zurück.
Die Übergangsjacke.
Dieses sagenumwobene Kleidungsstück für eine Wetterlage, die in Deutschland ungefähr 14 Minuten dauert.
Die Idee klingt zunächst vernünftig.
Zu warm für Winterjacke.
Zu kalt für keine Jacke.
Also:
Übergangsjacke.
Perfekt.
Theoretisch.
Praktisch stehst du morgens bei sieben Grad vor der Haustür und merkst nach zwölf Sekunden:
Zu dünn.
Du ziehst die Schultern hoch, steckst die Hände in irgendwelche Taschen, die natürlich nicht gefüttert sind, und redest dir ein:
„Geht schon.“
Nein.
Geht nicht.
Du frierst.
Aber du bist jetzt committed.
Zurückgehen wäre Schwäche.
Also los.
Zwei Stunden später scheint die Sonne.
16 Grad.
Plötzlich trägst du am Körper ein kleines privates Gewächshaus.
Reißverschluss auf.
Jacke aus.
Jacke über den Arm.
Jetzt läufst du also mit einem Kleidungsstück herum, das du nicht brauchst, aber den ganzen Tag mitschleppen darfst.
Sehr praktisch.
Dafür haben wir Taschen erfunden.
Nur leider keine, in die eine Jacke passt.
Mittags sitzt du irgendwo draußen.
Sonne.
17 Grad.
Übergangsjacke hängt über dem Stuhl.
Du sitzt im T-Shirt da.
Alles gut.
Dann geht die Sonne kurz hinter eine Wolke.
Sofort:
9 Grad.
Wind.
Leichter Nieselregen.
Deutschland.
Jacke wieder an.
Jetzt ist sie plötzlich wieder zu dünn.
Das Ding schafft es wirklich, in beide Richtungen gleichzeitig ungeeignet zu sein.
Beeindruckend.
Die Übergangsjacke ist kein Kleidungsstück.
Sie ist ein Kompromiss mit Reißverschluss.
Sie wärmt nicht richtig.
Sie ist nicht luftig.
Sie hält vielleicht Regen ab, solange der Regen selbst nicht besonders motiviert ist.
Und trotzdem besitzt jeder eine.
Warum?
Weil uns seit Jahrzehnten eingeredet wird, dass es diese geheimnisvolle Jahreszeit gibt, in der exakt diese Jacke perfekt funktioniert.
„Für die Übergangszeit.“
Welche?
Dienstag, 14:37 bis 14:52 Uhr?
Denn morgens brauche ich eigentlich Winterjacke.
Mittags keine.
Abends wieder Winterjacke.
Dazwischen ziehe ich die Übergangsjacke fünfmal an und aus und führe mit ihr eine Beziehung, die schon länger nicht mehr funktioniert.
Natürlich gibt es dafür auch modische Regeln.
Die Jacke soll leicht sein.
Atmungsaktiv.
Wasserabweisend.
Winddicht.
Nicht zu warm.
Aber trotzdem warm.
Also im Grunde:
Alles können und nichts davon richtig.
Ein SUV unter den Kleidungsstücken.
Nur ohne beheizte Sitze.
Besonders schön wird es, wenn Menschen sagen:
„Du musst dich einfach im Zwiebellook anziehen.“
Ach.
Natürlich.
T-Shirt.
Pullover.
Übergangsjacke.
Schal.
Und spätestens um 13 Uhr laufe ich dann mit drei ausgezogenen Schichten über dem Arm herum wie ein mobiler Kleiderständer.
Sehr elegant.
„Zwiebellook.“
Das klingt auch nur besser als:
Ich habe keine Ahnung, was das Wetter heute macht.
Der Herbst ist sowieso die Jahreszeit, in der Wetter-Apps endgültig kapitulieren.
Morgens zeigt sie Sonne.
Dann Regen.
Dann Sonne mit Wolke.
Dann Regenwahrscheinlichkeit 23 Prozent.
Was soll das heißen?
23 Prozent?
Regnet es auf 23 Prozent meines Körpers?
Brauche ich dann nur einen Ärmel von der Übergangsjacke?
Und trotzdem liebe ich den Herbst.
Wirklich.
Das Licht.
Die Luft.
Die Farben.
Der Nebel.
Abends früher dunkel.
Wieder Tee, Kaffee und Sofa, ohne dass man dabei drei Liter Wasser verliert.
Alles gut.
Nur diese Jacke.
Diese verdammte Übergangsjacke.
Sie hängt da jedes Jahr im Flur und verspricht:
Jetzt bin ich dran.
Und jedes Jahr denke ich:
Diesmal passt es.
Morgens ziehe ich sie an.
Mittags trage ich sie.
Abends friere ich darin.
Perfekt.
Am Ende bleibt:
Die Übergangsjacke ist für Wetter gedacht, das weder warm noch kalt ist.
Deutschland kennt dieses Wetter durchaus.
Es findet nur meistens statt, während du gerade im Auto sitzt.
Für den Rest des Tages gilt:
Zu warm.
Zu kalt.
Zu nass.
Zu windig.
Oder die Jacke hängt über deinem Arm.
Aber keine Sorge.
Nächstes Jahr probieren wir es wieder.
Vielleicht erwischen wir dann diese 14 Minuten.