Rente mit 70.

Natürlich.

Weil die junge Generation offenbar noch nicht genug Spaß hat.

Wohnungen unbezahlbar.
Lebenshaltungskosten hoch.
Löhne oft so mittel.
Private Vorsorge? Klar, von welchem Geld genau?
Und jetzt bitte noch ein paar Jahre länger arbeiten.

Danke.

Sehr großzügig.

Die Debatte um eine mögliche Rente mit 70 ist wieder da. Im Raum steht eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre ab den 2060er Jahren, also vor allem für Menschen, die nach 1990 geboren wurden; die Bundesregierung nennt das derzeit Spekulationen, die Rentenkommission soll ihre Vorschläge erst noch vorlegen.

Das ist schon praktisch.

Die Reform trifft natürlich nicht die, die heute darüber reden.

Nicht die, die ihre politischen Karrieren, Pensionen, Immobilien und Lebensläufe schon hübsch sortiert haben.

Nein.

Es trifft die, die ohnehin schon das Gefühl haben, dass sie dieses Land einmal komplett durchfinanzieren dürfen, während ihnen gleichzeitig erklärt wird, sie sollten bitte dankbarer, flexibler und eigenverantwortlicher sein.

Eigenverantwortung heißt in Deutschland offenbar:

Du zahlst in ein System ein.
Du bekommst später weniger.
Du arbeitest länger.
Und wenn du fragst, ob das noch fair ist, kommt jemand mit Diagramm und ernster Miene.

Großartig.

Rente mit 70 wird dann als „mutige Reform“ verkauft.

Mutig.

Wie schön.

Mutig ist es natürlich immer, wenn andere die Rechnung zahlen.

Mutig wäre, endlich ehrlich zu sagen: Dieses System wurde jahrelang mit Ansage gegen die Wand gefahren, und jetzt sollen Jüngere bitte länger im Büro, auf der Baustelle, im Krankenhaus, in der Pflege, im Handwerk, im Lager, im Einzelhandel oder sonst wo durchhalten.

Bis 70.

Weil Menschen ja alle gleich arbeiten.

Der Abgeordnete im klimatisierten Büro.
Die Pflegekraft im Schichtdienst.
Der Dachdecker im August.
Die Kassiererin mit kaputtem Rücken.
Der Paketfahrer mit Knieproblemen.
Der IT-Mensch mit Burnout und Bildschirmaugen.

Alles dasselbe.

Hauptsache Erwerbsbiografie.

Dieses Wort allein klingt schon wie etwas, das man einem Menschen antut.

Und dann kommt wieder dieses Argument: Wir werden älter.

Ja.

Manche werden älter.

Nicht alle werden gesund älter.

Nicht alle haben Jobs, in denen man bis 70 noch elegant in Meetings sitzt und „strategisch“ sagt.

Viele sind mit 60 schon durch.

Körperlich. Psychisch. Beides.

Aber klar, vielleicht können wir das Problem lösen, indem wir einfach alle noch ein paar Jahre länger arbeiten lassen. Am besten mit höhenverstellbarem Schreibtisch direkt neben der Urne.

Arbeiten bis 70 ist keine Generationengerechtigkeit.

Das ist ein politischer Offenbarungseid mit Rentenbescheid.

Die junge Generation soll länger zahlen, später raus, privat vorsorgen, flexibel bleiben, Kinder bekommen, Fachkräftemangel lösen, Wohnungsmarkt überleben, Klimafolgen tragen und dabei bitte nicht so viel jammern.

Währenddessen werden Besitzstände behandelt wie heilige Kühe mit Riester-Vertrag.

Und wenn Junge sauer werden, heißt es: unsolidarisch.

Nein.

Unsolidarisch ist, ein System so lange schönzureden, bis die Rechnung bei denen landet, die am wenigsten dafür konnten.

Natürlich muss die Rente reformiert werden.

Natürlich braucht es ehrliche Antworten.

Natürlich kann man Demografie nicht wegwünschen.

Aber „arbeitet halt bis 70“ ist keine Antwort.

Das ist ein Schulterzucken mit Gesetzesentwurf.

Vielleicht müsste man mal an andere Dinge ran.

Beamte und Pensionen.
Kapitalerträge.
Vermögen.
Echte Erwerbsbeteiligung.
Bessere Löhne.
Mehr Einzahler.
Weniger Wahlgeschenke auf Pump.
Ein Rentensystem, das nicht jede Generation gegeneinander ausspielt wie eine schlechte Realityshow mit Beitragsbescheid.

Aber das wäre kompliziert.

Und politisch unangenehm.

Also sagt man lieber: Die Jungen können ja länger arbeiten.

Die sind jung.

Die halten das aus.

Klar.

Bis sie es nicht mehr tun.

Am Ende ist Rente mit 70 vor allem eins: ein Satz, der zeigt, wie wenig Fantasie diese Politik noch hat.

Nicht: Wie machen wir Arbeit gesünder?
Nicht: Wie verteilen wir Lasten fairer?
Nicht: Wie verhindern wir Altersarmut?
Nicht: Wie schaffen wir Vertrauen?

Sondern:

Wie kriegen wir Menschen dazu, länger durchzuhalten?

Sehr inspirierend.

Vom Job ins Grab.

Aber bitte pünktlich.

Die Rentenkasse wartet.