Seit April gilt die 12-Uhr-Regel für Spritpreise.

Preise sollen nur noch einmal täglich erhöht werden.

Um 12 Uhr.

Einmal.

Nicht fünfmal.
Nicht zwanzigmal.
Nicht „ach komm, der Pendlerverkehr sieht gerade so lecker aus“.

Einmal.

Eigentlich nicht schwer.

Man könnte meinen, selbst ein milliardenschwerer Ölkonzern bekommt es hin, eine Uhr zu lesen. Aber offenbar ist das schon wieder zu viel verlangt.

Esso-Tankstellen sollen bundesweit besonders häufig gegen diese Regel verstoßen haben. Tausende registrierte Verstöße in wenigen Wochen.

Natürlich.

Wer hätte ahnen können, dass ausgerechnet ein großer Ölkonzern bei Preisregeln nicht sofort in vorbildlicher Demut erstarrt?

Ich bin schockiert.

Also fast.

Eher so „Tankstellenpreise sind eine Frechheit und Wasser ist nass“-schockiert.

Das ganze Prinzip dieser 12-Uhr-Regel war ja eigentlich simpel: Verbraucher sollen wenigstens ein bisschen Planbarkeit bekommen. Nicht dieses ständige Preis-Hütchenspiel, bei dem Diesel morgens anders kostet als mittags, nachmittags anders als abends und vor Feiertagen natürlich emotional besonders belastet ist.

Vorher wurden Preise teilweise absurd oft am Tag geändert.

Bis zu 100 Mal täglich.

Hundert.

Für Kraftstoff.

Nicht für Bitcoin.

Nicht für seltene Edelmetalle.

Für Benzin, das Menschen brauchen, um zur Arbeit zu kommen, Kinder abzuholen oder irgendwo hinzufahren, wo kein Bus fährt, weil Deutschland Mobilitätswende gern in Sonntagsreden parkt.

Und jetzt gibt es eine Regel.

Und was passiert?

Einige halten sich dran.

Andere offenbar weniger.

Und Esso macht wohl den Klassenstreber rückwärts.

Bemerkenswert.

Besonders schön ist diese Konzernlogik: Wenn Preise steigen, ist natürlich alles total kompliziert. Rohstoffmärkte. Weltlage. Raffinerien. Transport. Steuern. Wettbewerb. Mondphase. Wahrscheinlich auch Gefühle im Tanklaster.

Aber wenn es eine klare Vorgabe gibt, wann Preise geändert werden dürfen, wird es plötzlich schwierig.

12 Uhr.

Eine Uhrzeit.

Kein quantenphysikalisches Rätsel.

Kein Migrationsprojekt mit Altsystemen.

Kein SAP-Rollout in einer Behörde.

Einfach: Preis ändern um 12.

Und selbst das klappt offenbar nicht zuverlässig.

Man muss das erst mal so frech hinkriegen.

Tankstellenpreise sind ohnehin ein eigenes Theaterstück der Dreistigkeit. Hoch geht immer sofort. Runter geht langsam. Manchmal. Vielleicht. Wenn der Markt gerade gut gelaunt ist und niemand im Vorstand einen neuen Pfeil nach oben braucht.

Und jetzt kommt noch dazu:

Nicht mal die wenigen Regeln, die ein bisschen Ordnung in dieses Preiskarussell bringen sollen, werden sauber eingehalten.

Natürlich sagt dann wieder irgendwer, das sei alles technisch, organisatorisch, marktbedingt, systemisch, blablabla.

Klar.

Wenn Geld abgebucht werden muss, funktionieren die Systeme immer erstaunlich präzise.

Wenn Regeln eingehalten werden sollen, bekommt die Infrastruktur plötzlich Migräne.

Komisch.

Am Ende bleibt das übliche Gefühl:

Der Autofahrer soll zahlen.
Der Konzern optimiert.
Die Regel ist Deko.
Und wenn jemand fragt, war bestimmt der Markt schuld.

Der Markt.

Diese praktische Nebelmaschine für alles, was sonst nach Abzocke riecht.

Vielleicht müsste man bei Verstößen einfach mal Strafen einführen, die nicht nach Portokasse klingen. Nicht dieses „bitte künftig beachten“ mit freundlichem Briefkopf. Sondern so, dass es weh tut.

Denn freiwillige Einsicht bei Konzernen ist ungefähr so belastbar wie ein Regenschirm aus Küchenpapier.

Aber gut.

Esso und die 12-Uhr-Regel.

Ein großes Unternehmen trifft auf eine Uhr.

Spannendes Duell.

Stand jetzt: Die Uhr führt moralisch.