VW hat mal wieder gezeigt, wie moderne Technik funktioniert.
Du kaufst ein Auto.
Das Auto sammelt Daten.
Das Auto funkt in die Cloud.
Der Hersteller hat Zugriff.
Du hättest auch gern Zugriff.
Der Hersteller so:
Ach.
Schwierig.
Seit Ende Mai sind bei vielen VW- und Audi-Nutzern Drittanbieter-Integrationen ausgefallen, weil VW an Authentifizierungs-Endpunkten geändert hat. Betroffen sind unter anderem Smart-Home- und Lade-Lösungen wie Home Assistant und EVCC, die Fahrzeugdaten wie den Ladezustand nutzen, um PV-Überschussladen sinnvoll zu steuern. Ohne Ladezustand hängt diese Automatisierung ziemlich in der Luft.
Natürlich.
Weil das genau das ist, was man als E-Auto-Besitzer will:
PV-Anlage auf dem Dach.
Wallbox an der Wand.
Auto in der Einfahrt.
Smart Home im Haus.
Und dann funktioniert der ganze Kram nicht mehr, weil irgendwo ein Konzern an der Tür zur API den Schlüssel umdreht.
Fortschritt.
Mit Vorhängeschloss.
Das eigentlich Absurde: Das ist kein Nerd-Spielzeug für Leute, die gerne Dashboards mit 47 Sensoren bauen, obwohl sie am Ende doch nur wissen wollen, ob die Waschmaschine fertig ist.
Der Ladezustand eines E-Autos ist eine Basisinformation.
Nicht Luxus.
Nicht Spielerei.
Nicht „Premium Connected Mobility Experience“.
Sondern: Wie voll ist der Akku?
Eine Zahl.
Eine sehr wichtige Zahl, wenn man ein Auto intelligent mit Solarstrom laden möchte.
Ohne diese Zahl kann die Hausautomation nur raten. Und Raten ist bei Energie ungefähr so sinnvoll wie bei Steuererklärungen, Operationen oder der Frage, ob man noch genug Akku für morgen früh hat.
Aber genau da zeigt sich die moderne Konzernlogik:
Das Gerät ist smart, solange es dem Hersteller nützt.
Das Gerät ist vernetzt, solange Daten nach oben fließen.
Das Gerät ist dein Eigentum, solange du nicht zu viele eigene Dinge damit machen willst.
Dann wird aus „dein Auto“ plötzlich „unsere Plattform“.
Schön.
Man kauft heute offenbar kein Fahrzeug mehr.
Man kauft eine Nutzungserfahrung mit Rädern, Cloud-Zwang und der stillen Hoffnung, dass der Hersteller morgen nicht entscheidet, dass eine Funktion jetzt anders, teurer oder gar nicht mehr funktioniert.
Das Auto gehört dir.
Die Daten vielleicht.
Die Schnittstelle eher nicht.
Die Kontrolle auf gar keinen Fall.
Und das ist nicht nur ein VW-Problem.
VW ist hier nur der aktuelle Aufreger mit Wolfsburger Türstehermentalität. Die Änderung war wohl angekündigt, aber das macht den Effekt für Nutzer nicht weniger nervig: Drittanbieter-Zugriffe auf bisher genutzte Schnittstellen fallen weg oder werden in neue Strukturen gedrückt.
Und natürlich heißt das dann nicht:
„Wir machen dicht.“
Nein.
So ehrlich ist Konzernsprache nicht.
Da heißt es dann sinngemäß: neue Architektur, standardisierte Schnittstellen, robustere Plattform, Partnerzugang, Ökosystem.
Ökosystem.
Dieses Wort sollte man inzwischen nur noch mit Warnweste lesen.
Denn meistens bedeutet es:
Du bist nicht mehr Kunde.
Du bist Bewohner eines umzäunten Gartens.
Und der Gärtner verkauft Eintrittskarten.
Besonders schön ist der Gedanke an den EU Data Act. Der soll eigentlich dafür sorgen, dass Nutzer besser an die Daten ihrer vernetzten Geräte kommen. In der Praxis reicht ein Download irgendwann später aber nicht für Smart-Home-Automatisierung. Wenn die Wallbox jetzt wissen muss, ob der Akku 38 oder 82 Prozent hat, hilft keine ZIP-Datei von morgen Nachmittag.
Das ist, als würdest du beim Autofahren nach der Geschwindigkeit fragen und bekommst nächste Woche ein PDF.
Sehr digital.
Sehr Europa.
Sehr hilfreich für exakt niemanden, der gerade etwas steuern möchte.
Und genau hier wird es grundsätzlich.
Es geht nicht nur um Autos.
Es geht um Besitz.
Oder das, was davon übrig geblieben ist.
Denn diese Nummer passiert überall.
Fernseher, die du gekauft hast, zeigen Werbung im Menü.
Kühlschränke brauchen Apps, Accounts und Cloud-Gedöns.
Drucker verweigern Patronen, weil ihnen die falsche Plastikdose emotional nicht zusagt.
Smart-Home-Geräte werden nutzlos, wenn ein Server abgeschaltet wird.
Autos verlieren Funktionen, wenn ein Abo endet.
Apps verschwinden.
Schnittstellen werden geschlossen.
Geräte werden schlechter, obwohl sie physisch noch völlig in Ordnung sind.
Und immer steht irgendwo ein Hersteller daneben und tut so, als sei das normal.
Nein.
Ist es nicht.
Wenn ich einen Fernseher kaufe, ist das mein Fernseher.
Meiner.
Nicht eine Leihfläche für Werbung im Hauptmenü.
Nicht ein Wohnzimmer-Schaufenster für Streamingdienste, die ich nicht bestellt habe.
Nicht ein Bildschirm, bei dem der Hersteller Jahre später entscheidet, dass meine Fernbedienung jetzt erst durch eine Reihe gesponserter Kacheln navigieren soll.
Ich habe das Ding gekauft.
Nicht adoptiert.
Nicht gemietet.
Nicht als Werbepartner unterschrieben.
Gekauft.
Wenn ich einen Kühlschrank kaufe, soll der kühlen.
Radikale Idee.
Ich weiß.
Er soll nicht analysieren, nicht nudgen, nicht „smarte Empfehlungen“ geben, nicht eine App erzwingen, nicht nach Hause telefonieren, nicht mit irgendeinem Server sprechen müssen, damit Eiswürfel emotional korrekt freigegeben werden.
Er soll kühlen.
Tür auf.
Essen rein.
Kalt.
Mehr Beziehung brauche ich zu einem Kühlschrank nicht.
Aber moderne Geräte benehmen sich immer öfter wie feuchte Träume von Produktmanagern: Alles vernetzt, alles messbar, alles kontrollierbar, alles updatebar, alles monetarisierbar.
Und natürlich alles nur zu deinem Vorteil.
Immer.
Wenn ein Hersteller Werbung auf deinem gekauften Fernseher platziert, ist das angeblich Personalisierung.
Wenn ein Autohersteller Schnittstellen schließt, ist das angeblich Sicherheit oder Standardisierung.
Wenn ein Gerät ohne Cloud nicht mehr funktioniert, ist das angeblich moderne Infrastruktur.
Wenn eine Funktion nachträglich verschwindet, ist das angeblich Produktpflege.
Nein.
Das ist Kontrollverlust für den Kunden.
Und Geschäftsmodell für den Hersteller.
Es ist diese neue Dreistigkeit, dass gekaufte Geräte nicht mehr wie Eigentum behandelt werden, sondern wie Außenstellen eines Konzerns.
Du darfst sie benutzen.
Solange du dich benimmst.
Solange die Server laufen.
Solange die App unterstützt wird.
Solange dein Account nicht spinnt.
Solange der Hersteller keine bessere Monetarisierungsidee hat.
Solange keine neue Strategiepräsentation beschlossen hat, dass offene Schnittstellen leider nicht mehr zur Markenvision passen.
Markenvision.
Ein schönes Wort für: Wir nehmen dir etwas weg und schreiben eine Pressemitteilung darüber.
Bei VW ist der Ärger deshalb so groß, weil hier Menschen eigene, sinnvolle Systeme gebaut haben.
Nicht irgendein Spielkram.
Echte Automatisierung.
PV-Überschussladen.
Netzdienliche Steuerung.
Integration ins Smart Home.
Dinge, die genau zu dem passen, was politisch und gesellschaftlich ständig gefordert wird: Energie effizient nutzen, erneuerbaren Strom sinnvoll einsetzen, Lasten steuern, Eigenverbrauch optimieren.
Und dann kommt der Hersteller und sagt sinngemäß:
Ja, aber bitte nicht so.
Nicht über diese Tür.
Nicht ohne uns.
Nicht frei.
Nicht einfach.
Das ist kein Fortschritt.
Das ist ein digitaler Zaun um etwas, das der Kunde bezahlt hat.
Und ja, Sicherheit ist wichtig.
Natürlich.
Schnittstellen müssen sicher sein.
Authentifizierung muss sauber sein.
Missbrauch muss verhindert werden.
Daten dürfen nicht einfach offen herumliegen wie ein Passwortzettel im Pausenraum.
Aber Sicherheit ist inzwischen auch ein sehr beliebter Nebelwerfer.
Immer wenn ein Hersteller Kontrolle erhöhen will, steht irgendwo „Sicherheit“ auf dem Etikett.
Sicherheit kann stimmen.
Sicherheit kann vorgeschoben sein.
Und manchmal ist es beides: technisch nicht völlig falsch, aber praktisch sehr bequem für ein geschlossenes Geschäftsmodell.
Eine saubere Lösung wäre nicht schwer zu erklären:
Dokumentierte API.
Lokaler Zugriff für Basisdaten.
Klare Rechte.
Stabile Authentifizierung.
Freie Nutzung für Besitzer.
Ladezustand, Ladeleistung, Reichweite, Ladestatus, Klimatisierung, Fahrzeugstatus.
Nicht als Luxus.
Nicht als Partnerprogramm.
Nicht als Enterprise-Integration mit Vertriebsgespräch.
Sondern als normaler Zugriff auf Daten eines Geräts, das jemand bezahlt hat.
Aber das scheint in der vernetzten Welt eine fast revolutionäre Forderung zu sein:
Mein Gerät soll mir gehören.
Verrückt.
Mein Fernseher soll mir gehören.
Mein Kühlschrank soll mir gehören.
Mein Auto soll mir gehören.
Mein Drucker soll mir gehören.
Meine Daten sollen mir gehören.
Meine Schnittstellen sollen nicht verschwinden, nur weil ein Konzern plötzlich findet, dass Offenheit schlecht zur Marge passt.
Man muss sich diese Absurdität mal im Analogen vorstellen.
Du kaufst ein Auto.
Nach zwei Jahren sagt der Hersteller: Der Tankdeckel lässt sich künftig nur noch über unsere App öffnen.
Oder: Den Kilometerstand bekommen Sie gern als Monatsbericht per Download.
Oder: Die Innenraumheizung darf nur noch von zertifizierten Partnern angesprochen werden.
Oder: Die Garage darf nicht mehr automatisch öffnen, weil wir unser Zugangssystem modernisiert haben.
Jeder würde fragen, ob die noch alle Schrauben am Rad haben.
Digital passiert genau das ständig.
Nur klingt es technischer.
Und deshalb lassen wir uns zu viel gefallen.
„API geändert“ klingt weniger frech als „Wir haben dir den Zugriff genommen“.
„Ökosystem“ klingt freundlicher als „Käfig“.
„Connected Services“ klingt besser als „Abo-Falle mit Funkmodul“.
„Personalisierte Inhalte“ klingt netter als „Werbung auf deinem Gerät“.
Aber der Kern bleibt:
Du hast bezahlt.
Der Hersteller kontrolliert weiter.
Und das ist der eigentliche Skandal.
Nicht nur bei VW.
VW ist hier nur ein besonders schönes Beispiel für diese neue Eigentumsverwahrlosung.
Gekaufte Geräte, die sich benehmen wie gemietete Dienste.
Funktionen, die von Servern abhängen.
Schnittstellen, die verschwinden.
Hersteller, die nach dem Kauf noch im Gerät herumregieren, als hätten sie einen Schlüssel zu deinem Wohnzimmer.
Und genau deshalb macht diese API-Nummer so wütend.
Nicht weil ein paar Nerds ihre hübschen Home-Assistant-Kacheln vermissen.
Sondern weil es zeigt, wohin die Reise geht:
Alles wird smart.
Alles wird verbunden.
Alles wird abhängig.
Und am Ende darf der Besitzer nur noch zuschauen, wie der Hersteller entscheidet, was mit dem gekauften Gerät möglich ist.
Das ist nicht smart.
Das ist ferngesteuerte Bevormundung mit App-Icon.
VW sollte offene, stabile und sinnvoll abgesicherte Schnittstellen bereitstellen.
Andere Hersteller genauso.
Fernseher sollten keine Werbeflächen sein.
Kühlschränke sollten kühlen.
Drucker sollten drucken.
Autos sollten fahren und ihre Basisdaten dem Besitzer geben.
Es ist eigentlich nicht kompliziert.
Ein gekauftes Gerät ist kein Außenposten des Herstellers.
Es steht bei mir.
Es hängt an meinem Strom.
Es nutzt mein Netz.
Es steht in meinem Haus.
Es fährt in meiner Einfahrt.
Es ist meins.
Und wenn ein Hersteller nach dem Kauf meint, er könne dort weiterhin nach Belieben Funktionen sperren, Werbung einschieben, Schnittstellen schließen oder Datenzugriff kontrollieren, dann ist das kein Service.
Das ist digitale Hausbesetzung.
Mit Nutzungsbedingungen.