Beton der Woche: Wenn Geld fehlt, nimm es vom Lohn
Rente zu teuer. Pflege zu teuer. Krankenkasse zu teuer. Arbeitslosenversicherung unter Druck. Die erstaunlich zuverlässige Lösung: mehr vom Lohn nehmen.
Deutschland hat ein erstaunlich zuverlässiges Finanzierungskonzept.
Rente wird teurer?
Beitrag.
Krankenkasse braucht mehr Geld?
Beitrag.
Pflegeversicherung läuft ins Loch?
Beitrag.
Arbeitslosenversicherung unter Druck?
Du wirst es kaum glauben:
Beitrag.
Die Lohnabrechnung ist inzwischen weniger Abrechnung und mehr Gemeinschaftskonto für alles, was politisch seit Jahren nicht vernünftig gelöst wurde.
Und jetzt gibt es eine neue Zahl dazu.
Das IGES Institut hat die Entwicklung der vier Sozialversicherungszweige bis 2035 durchgerechnet.
Im mittleren Szenario steigt der ausgabendeckende Gesamtbeitragssatz von 42,8 Prozent im Jahr 2026 auf 48,8 Prozent im Jahr 2035.
Ungünstiger Verlauf?
51,6 Prozent.
Günstiger Verlauf?
Immer noch 46,6 Prozent.
Bevor jetzt jemand die Lohnabrechnung anschreit:
Das bedeutet nicht, dass dir 2035 persönlich 48,8 Prozent Sozialversicherung vom Bruttolohn abgezogen werden.
Der Wert umfasst Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteile zusammen.
Nur ist der Arbeitgeberanteil auch kein Geld, das nachts von einer guten Fee neben den Schreibtisch gelegt wird.
Es sind Arbeitskosten.
Geld, das erwirtschaftet werden muss.
Geld, das nicht für höhere Löhne, Investitionen oder etwas anderes zur Verfügung steht.
Dieses ewige:
„Die Hälfte zahlt doch der Arbeitgeber“
ist deshalb ungefähr so hilfreich wie:
„Der zweite Einkaufswagen ist kostenlos, weil Sandra ihn bezahlt.“
Irgendwer bezahlt ihn.
Die Studie selbst muss man ebenfalls einordnen.
IGES hat sie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt. Die INSM wiederum wird nach eigenen Angaben ausschließlich von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert und vertritt entsprechend wirtschaftspolitische Interessen.
Also:
Keine in Stein gemeißelte Prophezeiung.
Keine amtliche Vorhersage aus dem Jahr 2035.
Eine Projektion mit Annahmen.
Aber leider eine, bei der man nicht einmal 48,8 Prozent glauben muss, um das Problem zu erkennen.
Denn die Richtung ist ziemlich eindeutig.
Die Rentenversicherung liegt heute bei 18,6 Prozent. IGES sieht sie im Basisszenario 2035 bei 20,9 Prozent.
Die Krankenversicherung landet im mittleren Szenario bei 18,8 Prozent.
Die Pflegeversicherung ohne weitere erfolgreiche Reform bei rund 4,8 Prozent.
Und die Arbeitslosenversicherung steigt in der Projektion von 2,6 auf 4,4 Prozent.
Vier Systeme.
Vier Baustellen.
Eine Lohnabrechnung.
Das ist kein Finanzierungskonzept.
Das ist Lastverteilung mit Gehaltszettel.
Natürlich gibt es Gründe für steigende Kosten.
Deutschland wird älter.
Mehr Menschen gehen in Rente.
Mehr Menschen brauchen Pflege.
Medizin wird nicht billiger.
Personal wird nicht billiger.
Leistungen werden nicht billiger.
Und wenn weniger Menschen arbeiten, während mehr Menschen Leistungen aus umlagefinanzierten Systemen bekommen, hilft Mathematik leider auch nicht mit einem freundlichen:
„Ach, wird schon.“
Das Problem ist also real.
Gerade deshalb nervt die Reaktion darauf.
Denn seit Jahren erleben wir bei den Sozialversicherungen dasselbe Ritual.
Irgendwo fehlen Milliarden.
Dann kommt eine Reform.
Ein Stabilisierungsgesetz.
Ein Darlehen.
Ein Zuschuss.
Eine Kommission.
Ein Paket.
Eine Übergangslösung.
Ein neues hübsches Wort.
Und am Ende schaut der Beitragssatz trotzdem nach oben.
Die neue IGES-Projektion berücksichtigt sogar bereits Reformmaßnahmen. Ohne Kapitalrente läge der Gesamtbeitrag 2035 danach nicht bei 48,8, sondern bei 47,5 Prozent.
Also nach Reform:
immer noch fast fünf Prozentpunkte mehr als heute.
Mit dem vorgeschlagenen Aufbau einer Kapitalrente, der zunächst zusätzliche Beiträge benötigt, wären es 2035 sogar 49,3 Prozent; die erhoffte Entlastung käme erst später.
Großartig.
Wir reformieren uns also möglicherweise von 48,8 auf 47,5 Prozent.
Durchbruch.
Da kann man die 40-Prozent-Marke eigentlich gleich rahmen und ins Museum hängen.
„So sah politische Zielsetzung früher aus.“
Bei der Pflege wird das Muster besonders hübsch.
Mehr Pflegebedürftige.
Höhere Kosten.
Finanzierung unter Druck.
Also Gesetz.
Einsparungen.
Stabilisierung.
Und laut Studie bleibt trotzdem schon 2027 eine Finanzierungslücke von rund 1,3 Milliarden Euro, selbst wenn das geplante Pflegeneuordnungsgesetz so wirkt wie angenommen.
Das ist ein bisschen wie ein Eimer mit Loch, bei dem man stolz verkündet:
„Wir haben jetzt langsameres Auslaufen beschlossen.“
Bei der Krankenversicherung ähnlich.
Das Beitragssatzstabilisierungsgesetz soll kurzfristig helfen.
Bis 2028 könnte der Satz laut IGES bei 17,7 Prozent stabil bleiben, wenn die angenommenen Entlastungen tatsächlich eintreten.
Danach geht die Schere wieder auf.
2035:
18,8 Prozent.
Ungünstiges Szenario:
über 20 Prozent.
Und spätestens da kommt immer jemand mit:
„Dann müssen die Beiträge eben angepasst werden.“
Eben.
Dieses „eben“ ist der Beton.
Nicht, dass Sozialversicherung Geld kostet.
Natürlich kostet sie Geld.
Ich möchte eine funktionierende Krankenversicherung.
Eine funktionierende Pflegeversicherung.
Eine Rente, von der Menschen leben können.
Absicherung bei Arbeitslosigkeit.
Das Problem ist nicht, dass wir dafür bezahlen.
Das Problem ist, dass die politische Fantasie beim Finanzierungssystem erstaunlich oft genau dort endet, wo die Lohnabrechnung beginnt.
Mehr Ausgaben?
Lohn.
Demografie?
Lohn.
Strukturprobleme?
Lohn.
Fehlende Reform?
Lohn.
Und danach wundert man sich, warum Arbeitnehmer beim Blick von Brutto auf Netto schlechte Laune bekommen und Unternehmen über hohe Arbeitskosten reden.
Dabei ist die Antwort direkt auf der Abrechnung ausgedruckt.
Natürlich ist die Alternative nicht:
Leistungen überall weg.
Alte Menschen Pech.
Kranke selbst schuld.
Pflege bitte privat organisieren.
Das wäre billigste Polemik und löst genauso wenig.
Aber irgendwann muss eine ehrliche Debatte darüber stattfinden, welche Leistungen wir dauerhaft finanzieren wollen, wie effizient die Systeme arbeiten, welche versicherungsfremden Aufgaben über Beiträge laufen sollen und wie breit die Finanzierung künftig überhaupt aufgestellt sein kann.
Stattdessen lebt Deutschland seit Jahren hervorragend von Übergängen.
Noch ein Bundeszuschuss.
Noch ein Darlehen.
Noch ein Prozentpunkt.
Noch eine Kommission.
Noch eine Reform, deren größte Leistung darin besteht, dass das Loch zwei Jahre später wieder auftaucht.
Der Arbeitnehmer darf währenddessen bitte motiviert bleiben.
Der Arbeitgeber auch.
Und beide können sich darauf freuen, dass die 40-Prozent-Marke inzwischen ungefähr so realistisch wirkt wie bezahlbarer Kaffee am Flughafen.
Vielleicht kommt 2035 alles besser.
Vielleicht wächst die Wirtschaft stärker.
Vielleicht entwickelt sich die Beschäftigung günstiger.
Vielleicht wirken Reformen besser als angenommen.
48,8 Prozent sind keine Naturkonstante.
Das ist wichtig.
Aber 42,8 Prozent heute sind auch keine theoretische Warnung aus der Zukunft.
Und genau deshalb sollte die Antwort auf die Studie nicht lauten:
„Ach, ist doch nur eine arbeitgeberfinanzierte Prognose.“
Sondern:
Gut.
Dann zeigt bitte die bessere Rechnung.
Und vor allem:
Zeigt den Plan.
Nicht für 2027.
Nicht bis zur nächsten Wahl.
Nicht bis das nächste Darlehen fällig wird.
Sondern für ein Sozialsystem, das auch noch funktioniert, wenn die Babyboomer nicht mehr einzahlen, sondern Leistungen beziehen.
Denn immer mehr Kosten auf immer weniger beitragspflichtige Arbeit zu stapeln, ist kein generationengerechtes Konzept.
Das ist ein Betonklotz auf der Lohnabrechnung.
Und jedes Jahr kommt ein Sack Zement dazu.
Das war der Beton der Woche.
Kalt.
Schwer.
Und selbstverständlich beitragspflichtig.