Gewinnspiele gibt es heute offenbar nur noch auf Social Media.
Natürlich.
Früher konnte man irgendwo ein Formular ausfüllen, eine Karte einwerfen oder auf einer Website teilnehmen. Heute heißt es:
Folge uns.
Like diesen Beitrag.
Markiere drei Freunde.
Teile es in deiner Story.
Kommentiere mit deinem Lieblings-Emoji.
Tanze eventuell noch im Kreis, wenn der Algorithmus es verlangt.
Und wofür?
Für eine Brotdose.
Einen Hoodie.
Zwei Freikarten.
Oder ein „exklusives Fanpaket“, das meistens aussieht wie der Inhalt eines Marketing-Schranks, der mal aufgeräumt werden musste.
Das ist kein Gewinnspiel mehr.
Das ist unbezahlte Werbearbeit mit Loschance.
Man wird nicht Teilnehmer.
Man wird Reichweitenknecht.
Und das Schönste: Wer kein Instagram, Facebook, TikTok oder sonstigen Plattformzirkus nutzt, ist raus.
Pech gehabt.
Du willst deine Daten nicht in den nächsten Algorithmus-Schredder werfen?
Dann gewinnst du halt nichts.
Sehr inklusiv.
Sehr modern.
Sehr „wir nehmen Datenschutz ernst, aber bitte markiere vorher noch fünf Menschen, damit unser Beitrag organisch performt“.
Besonders dreist ist dieses „Kommentiere, warum du gewinnen möchtest“.
Warum wohl?
Weil ich das Ding haben will, Sabine.
Nicht, weil ich eine emotionale Kurzbiografie über meine tiefe Verbindung zu einem Thermobecher schreiben möchte.
Und dann diese künstliche Begeisterung in den Kommentaren.
„Oh wow, das wäre perfekt für meinen Mann 😍“
„So toll, danke für die Chance 🍀“
„Ich würde mich riesig freuen!!!“
Klar.
Alle völlig echt.
Alle total natürlich.
Ein digitales Bällebad aus Hoffnung, Emojis und Marketingmüll.
Die Unternehmen nennen das Community.
Ich nenne es: Leute dazu bringen, Werbung zu machen und sich dafür noch zu bedanken.
Natürlich ist das aus Marketingsicht praktisch. Reichweite, Interaktion, Follower, Sichtbarkeit. Alles messbar. Alles schön bunt im Dashboard. Man kann später im Meeting zeigen, dass 12.000 Menschen „Ich will gewinnen“ geschrieben haben.
Erfolg.
Applaus.
Kuchen im Konferenzraum.
Aber für Nutzer ist es einfach nur nervig.
Nicht jeder will sein Profil für ein Gewinnspiel benutzen. Nicht jeder möchte Freunde markieren. Nicht jeder möchte öffentlich irgendwo betteln, nur um vielleicht ein Paket mit Werbekram zu bekommen.
Und nicht jeder lebt auf Social Media.
Verrückt, ich weiß.
Es gibt Menschen, die einfach eine Website besuchen, teilnehmen und danach weiterleben möchten, ohne vorher dem Algorithmus ein kleines Opfer darzubringen.
Aber das scheint zu altmodisch zu sein.
Gewinnspiele sind heute nicht mehr für Kunden.
Sie sind für Kennzahlen.
Der Preis ist Köder.
Die Kommentare sind Futter.
Die Teilnehmer sind Reichweite.
Und am Ende gewinnt vielleicht jemand einen Rucksack.
Das Unternehmen gewinnt Daten, Aufmerksamkeit und 3.000 neue Follower, die nach der Auslosung wieder vergessen, warum sie überhaupt da sind.
Schönes Spiel.
Vielleicht nennen wir es einfach ehrlich um:
Nicht Gewinnspiel.
Reichweitenbetteln mit Sachpreis.
Oder:
Like dich nackig, vielleicht gibt’s einen Gutschein.
Klingt hart.
Ist aber näher an der Wahrheit als „Wir möchten unserer Community etwas zurückgeben“.
Nein.
Ihr möchtet, dass eure Community kostenlos Werbung macht.
Und dafür darf sie dann hoffen.
Fortschritt.
Mit Kommentarzwang.