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Scam Altman? Erstaunlich viele Leute haben ein Vertrauensproblem

Elon Musk nennt ihn „Scam Altman“. Geschenkt. Interessanter ist: Auch frühere Kollegen und Boardmitglieder hatten offenbar ein massives Vertrauensproblem mit Sam Altman. Bei einem Mann mit so viel Macht ist das nicht ganz unwichtig.

Elon Musk nennt Sam Altman inzwischen gern:

„Scam Altman.“

Natürlich tut er das.

Musk ist Konkurrent.

Musk hat mit Altman seit Jahren öffentlichen Rosenkrieg.

Musk hat OpenAI verklagt.

Musk besitzt mit xAI selbst einen KI-Konkurrenten.

Wenn Elon Musk morgens twittert, Sam Altman sei ein schlechter Mensch, ist das ungefähr so überraschend wie Burger King mit der Erkenntnis:

McDonald’s könnte besser sein.

Geschenkt.

Nur gibt es bei „Scam Altman“ ein kleines Problem.

Der Spitzname wäre viel leichter wegzulächeln, wenn nicht auch Leute, die tatsächlich mit Altman gearbeitet haben, seit Jahren immer wieder bei demselben Thema landen würden:

Vertrauen.

Und da wird es interessant.

2023 feuerte der damalige OpenAI-Verwaltungsrat Sam Altman ziemlich plötzlich.

Die damalige offizielle Begründung:

Er sei in seiner Kommunikation mit dem Board nicht durchgehend offen gewesen.

Kein:

Er hat Geld geklaut.

Kein:

Er hat geheime Daten verkauft.

Kein:

Er hat die Kaffeemaschine mitgenommen.

Sondern:

Wir vertrauen dem CEO nicht mehr.

Das ist für einen CEO schon eher ungünstig.

Für den Chef eines Unternehmens, das gleichzeitig darüber redet, irgendwann Systeme zu bauen, die intelligenter als Menschen sein könnten, vielleicht sogar ein bisschen ungünstiger.

Dann passierte das, was im Silicon Valley offenbar unter „ordentlicher Unternehmensführung“ läuft.

Altman war raus.

Mitarbeiter rebellierten.

Investoren wurden nervös.

Microsoft war alles andere als begeistert.

Ein paar Tage später war Altman wieder da.

Der Vorstand dagegen weitgehend nicht mehr.

Governance mit Schleudersitz.

Später untersuchte die Kanzlei WilmerHale die Geschichte.

Das Ergebnis war bemerkenswert ausgewogen und deshalb leider ungeeignet für Twitter:

Ja, es hatte einen echten Vertrauensbruch zwischen dem alten Board und Altman gegeben.

Ja, die damalige öffentliche Begründung des Boards entsprach laut Untersuchung dessen tatsächlicher Sicht.

Aber:

Altmans Verhalten habe seine Entlassung nicht zwingend erforderlich gemacht.

Und das Board habe die Sache überstürzt durchgezogen, ohne Altman vorher ausreichend Gelegenheit zu geben, auf die Vorwürfe zu reagieren.

OpenAI stellte sich danach wieder ausdrücklich hinter Altman.

Also weder:

Altman komplett entlastet.

Noch:

Altman als Lügner überführt.

Schade.

Die Realität weigert sich mal wieder, in ein Meme zu passen.

Und dann kam 2026 der New Yorker.

Ronan Farrow und Andrew Marantz haben mehr als hundert Menschen aus Altmans Umfeld interviewt und interne Unterlagen ausgewertet.

Darunter laut Bericht auch Memos aus der Zeit vor dem Rauswurf 2023.

Diese Unterlagen enthalten ziemlich heftige Vorwürfe.

Altman habe gegenüber Führungskräften und Boardmitgliedern Sachverhalte falsch dargestellt.

Er habe bei Sicherheitsprozessen unterschiedliche Versionen erzählt.

Und eines der internen Papiere begann laut New Yorker mit einer Liste wiederkehrender Verhaltensweisen.

Erster Punkt:

„Lying.“

Das ist kein Gerichtsurteil.

Kein bewiesener Betrug.

Keine strafrechtliche Feststellung.

Das sind Vorwürfe aus seinem damaligen beruflichen Umfeld.

Aber wenn dein CEO-Profil irgendwann von der Frage begleitet wird:

„Warum gibt es eigentlich 70 Seiten darüber, ob man dir glauben kann?“

dann ist zumindest kommunikativ Luft nach oben.

Besonders hübsch:

Das war offenbar nicht nur ein einzelner beleidigter Ex-Mitarbeiter, der nach dem Firmenausweis noch schnell eine Brandrede geschrieben hat.

Auch im späteren Musk-Prozess sagten frühere OpenAI-Leute und ehemalige Boardmitglieder über Probleme mit Altmans Ehrlichkeit und unterschiedliche Darstellungen gegenüber verschiedenen Personen aus.

Altman bestreitet Fehlverhalten.

Und das muss man genauso deutlich sagen.

Denn Elon Musk hat seinen großen Prozess gegen OpenAI und Altman am Ende verloren.

Die Jury wies seine Ansprüche zurück.

Entscheidend war unter anderem, dass Musk nach Auffassung der Jury zu lange mit seiner Klage gewartet hatte.

Wer daraus jetzt bastelt:

„Gericht bestätigt Scam Altman“

erzählt also Quatsch.

Das Urteil war kein Betrugsstempel für Altman.

Im Gegenteil:

Musk bekam vor Gericht nicht Recht.

Nur löst auch das die Vertrauensfrage nicht vollständig auf.

Denn die kam eben nicht erst von Musk.

Und genau deshalb ist „Scam Altman“ als Geschichte viel spannender als der übliche Milliardärskindergarten.

Musk nennt Altman einen Scammer.

Altman hält dagegen.

Beide posten.

Beide sticheln.

Beide führen Milliardenunternehmen.

Internet klatscht.

Nächster Tag.

Kevin macht daraus einen Thread mit 34 Screenshots und nennt es Analyse.

Kann man machen.

Viel spannender ist aber:

Warum hängt an einem der einflussreichsten Männer der KI-Welt überhaupt dauerhaft diese Frage?

Kann man ihm vertrauen?

Denn OpenAI ist inzwischen kein kleines Forschungsprojekt mehr.

OpenAI wurde 2015 als Nonprofit gegründet.

Die heutige Struktur sieht deutlich anders aus.

Es gibt weiterhin die gemeinnützige OpenAI Foundation.

Die kontrolliert die gewinnorientierte OpenAI Group PBC.

Die Foundation hält laut OpenAI rund 26 Prozent an dieser Gesellschaft.

Microsoft ungefähr 27 Prozent.

Der Rest liegt bei Mitarbeitern und weiteren Investoren.

OpenAI sagt:

Die Mission bleibt dieselbe.

AGI soll der gesamten Menschheit zugutekommen.

Gleichzeitig reden wir inzwischen über ein Unternehmen mit gewaltiger Bewertung, riesigem Kapitalbedarf und Investoren, die vermutlich nicht aus reiner Freude am Weltfrieden Milliarden überweisen.

Beides kann gleichzeitig funktionieren.

Mission und Geschäft.

Natürlich.

Nur steigt damit der Bedarf an Vertrauen eher an.

Nicht ab.

Wenn irgendein mittelständischer Hersteller seinen Kunden etwas schönredet, ist das ärgerlich.

Wenn ein Unternehmen gleichzeitig darüber diskutiert, wie künstliche Intelligenz Arbeit, Wissenschaft, Militär, Bildung, Medien und Politik verändern könnte, möchte ich beim Thema Unternehmensführung vielleicht etwas mehr haben als:

Wird schon.

Altman selbst reagierte auf die massive New Yorker-Kritik durchaus selbstkritischer, als man bei der Überschrift erwarten könnte.

Er räumte Fehler ein.

Er schrieb, er sei konfliktscheu gewesen und habe sich beim Streit mit dem früheren Board schlecht verhalten.

Er bezeichnete sich als fehlerhaften Menschen in einer außergewöhnlich komplizierten Situation und entschuldigte sich bei Menschen, die er verletzt habe.

Das ist zumindest deutlich mehr Reflexion als:

„Alles Fake News.“

Die eigentlichen Vorwürfe einer systematischen Täuschung akzeptierte er damit aber natürlich nicht.

Und genau deshalb wäre es billig zu schreiben:

Sam Altman ist ein Scammer.

Weiß ich nicht.

Musk weiß es übrigens auch nicht einfach deshalb, weil er es oft genug postet.

Aber ich weiß etwas anderes:

Wenn jemand so viel wirtschaftliche und technologische Macht konzentriert, darf die Frage nach seiner Vertrauenswürdigkeit verdammt nochmal gestellt werden.

Immer wieder.

Und härter als bei irgendeinem Geschäftsführer eines Schraubenhandels.

Nicht weil KI magisch ist.

Sondern weil OpenAI selbst behauptet, an Technologie von historischer Tragweite zu arbeiten.

Wer sagt:

Wir bauen etwas, das die Menschheit verändert.

bekommt eben auch:

Dann erklärt bitte sehr genau, wer hier eigentlich entscheidet und warum wir euch vertrauen sollen.

Das gehört zusammen.

„Trust us“ ist kein Sicherheitskonzept.

Kein Governance-Modell.

Und schon gar keine Antwort auf widersprüchliche Aussagen.

Vielleicht ist Sam Altman einfach ein extrem ehrgeiziger CEO in einer Branche, in der jeder versucht, schneller zu sein als der andere.

Vielleicht sind viele Vorwürfe Ergebnis erbitterter Machtkämpfe.

Vielleicht sind manche ehemaligen Kollegen gekränkt.

Vielleicht ist Musk schlicht Musk.

Alles möglich.

Aber irgendwann wird die Menge an:

„Der erzählt verschiedenen Leuten verschiedene Sachen“

eben selbst zu einer Geschichte.

Nicht zu einem Beweis.

Aber zu einer Geschichte.

Und da liegt der eigentliche Punkt.

Elon Musk kann ihn hundertmal „Scam Altman“ nennen.

Das ist Krawall.

Interessant wird es erst, wenn man Musk aus der Gleichung streicht.

Dann bleiben immer noch:

ein ehemaliger Vorstand mit Vertrauensverlust,

interne Vorwürfe,

frühere Kollegen mit massiver Kritik,

eine Unternehmensstruktur, die sich in wenigen Jahren erheblich verändert hat,

und ein CEO mit enormem Einfluss auf eine Technologie, von der seine eigene Firma sagt, sie könnte die Welt grundlegend verändern.

Da möchte ich keine Heiligenverehrung.

Von niemandem.

Weder von Musk.

Noch von Altman.

Noch von irgendeinem anderen Tech-Messias im Hoodie, der gerade die Zukunft der Menschheit als Produkt-Roadmap präsentiert.

Scam Altman?

Vielleicht ist genau das die falsche Frage.

Die bessere lautet:

Warum sollen wir Sam Altman eigentlich vertrauen?

Und bitte diesmal nicht mit einer Pressemitteilung antworten.

✳ ENDE DER ÜBERTRAGUNG.
HAST DU SENF DAZU?Senf dazugeben ↗
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