Die Politik will also, dass Arbeitnehmer künftig ab dem ersten Krankheitstag zum Arzt rennen.

Attest ab Tag eins.

Telefonische Krankschreibung weg.

Mehr Kontrolle.

Mehr Misstrauen.

Mehr Wartezimmer.

Weil Deutschland sich lange Fehlzeiten angeblich nicht mehr leisten kann.

Aha.

Dann hätte ich einen ganz verrückten Vorschlag:

Vielleicht kehrt ihr erst mal vor der eigenen Haustür.

Denn während man dem normalen Arbeitnehmer erklärt, dass kurze Krankmeldungen verdächtig, teuer und irgendwie ein Wettbewerbsnachteil sind, sieht es im politischen und behördlichen Umfeld selbst nicht gerade nach Musterklasse Anwesenheit aus.

Beschäftigte in Bundesbehörden kamen 2024 im Schnitt auf 15,2 Krankheitstage pro Person; der bundesweite Durchschnitt aller Arbeitnehmer lag bei 14,8 Tagen. Besonders hoch waren die Werte beim Bundesrat mit 25,2 Krankheitstagen und beim Bundestag mit 22,3 Krankheitstagen. Auch einzelne Ministerien lagen deutlich über dem Schnitt, etwa das Bundesfamilienministerium mit 21,5 Tagen.

Ach.

Guck.

Der Staat hustet selbst.

Aber der Bürger soll ab Tag eins zum Arzt.

Natürlich.

Wenn der Arbeitnehmer krank ist, ist es ein Problem für die Wettbewerbsfähigkeit.

Wenn Bundesbehörden krank sind, ist es vermutlich eine komplexe Belastungslage im öffentlichen Dienst.

Wenn der Bürger zwei Tage flachliegt, braucht es Kontrolle.

Wenn im Regierungsumfeld die Fehltage höher liegen, braucht es Verständnis, Analyse und bestimmt einen Bericht mit Deckblatt.

Schön.

Sehr ausgewogen.

Ich sage nicht, dass Beschäftigte im öffentlichen Dienst nicht krank sein dürfen.

Natürlich dürfen sie.

Auch Beamte.

Auch Angestellte in Behörden.

Auch Menschen im Bundestag, Bundesrat oder Ministerium.

Krankheit macht vor Dienstausweis, Aktenordner und Kantinenausweis nicht halt.

Darum geht es nicht.

Es geht um diese unfassbare Doppelmoral.

Da stellt sich eine Politik hin und tut so, als müsse man die normalen Arbeitnehmer härter anfassen, weil Krankheitstage angeblich aus dem Ruder laufen.

Aber im eigenen Laden liegen die Zahlen teils deutlich höher.

Und dann soll der Bürger der Verdächtige sein?

Nein.

Vielleicht erst mal den eigenen Flur wischen, bevor man anderen den Teppich rausreißt.

Merz hatte den Krankenstand in Deutschland mit durchschnittlich rund 14,5 Tagen kritisiert und infrage gestellt, ob Krankmeldungen in dieser Höhe notwendig seien; gleichzeitig wurde die telefonische Krankschreibung als möglicher Faktor genannt, obwohl Krankenkassen auf vollständigere Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und nicht zwingend auf mehr Blaumachen verweisen.

Das ist der Punkt.

Seit der elektronischen AU wird mehr sauber erfasst.

Vor allem kurze Ausfälle.

Also genau das, was früher teilweise unter dem Radar blieb, taucht jetzt in Statistiken auf.

Und die politische Reaktion lautet nicht:

Wir müssen Daten besser verstehen.

Sondern:

Die Leute sind zu oft krank.

Ab Tag eins zum Arzt.

Das ist keine Analyse.

Das ist Reflexpolitik mit Fieberthermometer.

Und dann schaut man auf Bundesrat und Bundestag.

25,2 Tage.

22,3 Tage.

Da wäre ich ja mal gespannt, wie die Debatte liefe, wenn ein Betrieb in der freien Wirtschaft solche Werte hätte.

Dann hieße es vermutlich:

Alarm.

Produktivität.

Führung.

Fehlanreize.

Missbrauch prüfen.

Aber beim Staatsapparat?

Da wird sicher differenziert.

Belastungen.

Arbeitsverdichtung.

Pandemienachwirkungen.

Psychische Gesundheit.

Demografie.

Alles valide Punkte.

Nur komisch, dass diese Differenzierung beim normalen Arbeitnehmer plötzlich verschwindet.

Da wird aus Krankheit schnell Verdacht.

Und aus Verdacht wird Attestpflicht.

Und aus Attestpflicht wird Wartezimmerpflicht.

Und aus Wartezimmerpflicht wird: Herzlichen Glückwunsch, jetzt sind noch mehr Leute krank.

Denn das ist ja das Geniale an dieser Idee:

Menschen mit Infekt sollen künftig gleich am ersten Tag in Arztpraxen sitzen.

Neben anderen Kranken.

Neben Alten.

Neben Immungeschwächten.

Neben Menschen, die wirklich ärztliche Hilfe brauchen.

Damit am Ende ein Zettel entsteht, der bestätigt, was vorher schon klar war:

Der Mensch ist krank.

Danke.

Sehr effizient.

Der AOK-Bundesverband hält die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung nicht für geeignet, den Krankenstand zu senken; die telefonische AU trage dazu bei, Arztpraxen zu entlasten und Infektionsrisiken in Wartezimmern zu vermeiden.

Aber klar.

Was wissen Krankenkassen und Ärzte schon.

Die Politik hat schließlich ein Gefühl.

Und dieses Gefühl sagt:

Der Bürger könnte bescheißen.

Also machen wir es für alle nerviger.

Das ist diese typische deutsche Lösung:

Ein paar Leute könnten ein System missbrauchen, also bestrafen wir Millionen vernünftige Menschen mit Bürokratie.

Und nennen das dann Reform.

Natürlich gibt es Missbrauch.

Überall.

Auch bei Krankheit.

Auch bei Steuern.

Auch bei Fördermitteln.

Auch in Behörden.

Auch in der Politik.

Nur wird beim Arbeitnehmer sofort die Misstrauensmaschine angeworfen.

Beim Rest heißt es gern: Einzelfall, komplex, muss geprüft werden.

Ich kann dieses Messen mit zweierlei Maß nicht mehr hören.

Wenn Krankheitstage ein so großes volkswirtschaftliches Problem sind, dann bitte überall ehrlich hinschauen.

Auch beim Staat.

Auch bei Bundesbehörden.

Auch beim Bundestag.

Auch beim Bundesrat.

Auch in Ministerien.

Nicht nur beim normalen Arbeitnehmer, der Montagmorgen mit Magen-Darm im Bad hängt und künftig noch überlegen darf, ob er erst ins Wartezimmer oder direkt ins Grab kriecht.

Und nein, das heißt nicht: Menschen im öffentlichen Dienst sollen krank arbeiten.

Bloß nicht.

Das wäre genauso dumm.

Es heißt nur:

Wer selbst hohe Fehlzeiten im eigenen Apparat hat, sollte mit moralischen Vorwürfen gegen Arbeitnehmer etwas vorsichtiger sein.

Vielleicht sogar sehr vorsichtig.

Denn Krankheit ist kein Charakterfehler.

Nicht beim Beamten.

Nicht beim Angestellten.

Nicht beim Lagerarbeiter.

Nicht bei der Pflegekraft.

Nicht beim ITler.

Nicht beim Lehrer.

Nicht beim Kassierer.

Nicht beim Bundestagsmitarbeiter.

Krank ist krank.

Nur offenbar wird Krankheit je nach Absender unterschiedlich bewertet.

Beim Staat: Belastungslage.

Beim Bürger: Wettbewerbsnachteil.

Beim Beamten: Gesundheitsmanagement.

Beim Arbeitnehmer: Attest ab Tag eins.

Das ist keine faire Politik.

Das ist Verdachtsverwaltung von oben nach unten.

Und genau deshalb macht diese Reform so wütend.

Nicht nur, weil sie dumm ist.

Sondern weil sie überheblich ist.

Weil sie so tut, als sei der normale Arbeitnehmer das Problem.

Nicht Arbeitsbedingungen.

Nicht Überlastung.

Nicht Personalmangel.

Nicht psychische Belastung.

Nicht schlechte Führung.

Nicht kaputte Strukturen.

Nicht volle Praxen.

Nicht ein Gesundheitssystem, das selbst am Limit ist.

Nein.

Der Bürger soll zum Arzt.

Ab Tag eins.

Die telefonische Krankschreibung soll weg.

Und die Politik erklärt das mit Wettbewerbsfähigkeit.

Dann bitte konsequent.

Ab Tag eins Attestpflicht auch im eigenen Laden.

Volle Transparenz über Fehlzeiten in Ministerien.

Keine Schönrechnerei.

Keine moralische Einbahnstraße.

Keine Predigt von denen, die selbst höhere Fehlzeiten in ihren Behörden haben.

Vor der eigenen Haustür kehren.

Mit Besen.

Nicht mit Pressekonferenz.

Denn am Ende bleibt:

Wer dem Bürger Misstrauen entgegenbringt, sollte selbst sehr sauber dastehen.

Tut er aber nicht.

Und wer Krankheitstage zum Problem der Arbeitnehmer macht, während der eigene Staatsapparat teils deutlich öfter krank ist, sollte vielleicht erst mal leise sein.

Oder wenigstens husten.

Aber bitte mit Attest.

Ab Tag eins.